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5. Das
Herz schweigt – Das Herz spricht
(Die
Brigata betritt den Garten. Dioneo trägt den Kranz.) |
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Dioneo: |
Los,
Neifile, jetzt erzähle du uns so eine richtig schmutzige Geschichte von
Liebenden,
die
durch List und Streiche zum glücklichen Ziel der Liebe kommen!
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Neifile: |
Schmutzige Geschichten kenne ich nicht. |
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Dioneo: |
Nicht
mal ein kleines bisschen verrucht? |
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Neifile: |
Nein. |
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Dioneo: |
Anrüchig? Pikant? Frivol? |
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Neifile: |
Dioneo. |
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Dioneo: |
Soll ich
sie für dich erzählen? |
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Neifile: |
Ja.
Nein. Ja. Warte... |
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Dioneo: |
Janeinjawarte? Das wird ja eine verwirrende Geschichte. |
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Neifile: |
Nein.
Ich erzähle euch jetzt eine Geschichte. Eine schöne Geschichte.
In
Pistoia lebte einst ein sehr reicher, kluger aber auch sehr geiziger Ritter,
der Francesco
Vergellesi hieß. Er hatte eine sehr tugendsame junge Frau namens Isabetta,
die wiederum
von
einem jungen Mann, den man Zima nannte, verehrt wurde. Eines Tages wurde der
Ritter
in das
Amt des Stadtrichters nach Mailand berufen und brauchte zu diesem Anlass ein
schönes
Pferd.
In seinem Geiz wollte er aber keins kaufen, und da sagte ihm irgendein
schlauer Kopf: |
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Irgendein Schlaukopf (Filostrato): |
(Zu Francesco Vergellesi (Emilia))
Geht doch zu Zima, der hat das schönste Reitpferd der
ganzen
Gegend! |
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Irgendein zweiter Schlaukopf (Fiammetta): |
Ja!
Außerdem verehrt er Eure edle Gattin... |
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Irgendein Schlaukopf (Filostrato): |
Der wird
Euch bestimmt einen guten Preis machen. |
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Irgendein zweiter Schlaukopf (Fiammetta): |
Ach was,
schenken wird er es Euch! |
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Neifile: |
Von
Habsucht getrieben ging er zu Zima |
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Francesco Vergellesi (Emilia): |
(Zu Zima (Dioneo))
Zima, Sie haben doch gehört, dass ich zum Stadtrichter ernannt worden bin? |
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Zima (Dioneo): |
Nein,
ich kann Euch mein Pferd nicht verkaufen! |
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Francesco Vergellesi (Emilia): |
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Zima (Dioneo): |
Ich kann
es Euch aber schenken, unter einer Bedingung. |
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Francesco Vergellesi (Emilia): |
Die da wäre? |
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Zima (Dioneo): |
Ihr
müsst mir erlauben, mit Eurer Gattin, der schönen Isabetta zu sprechen,
durchaus in Eurem
Beisein,
aber so, dass niemand hören kann, was wir sprechen. |
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Francesco Vergellesi (Emilia): |
Was
erlauben Sie...! Nun gut. Das wird sich einrichten lassen. |
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Neifile: |
Da sein
Geiz ihn zu diesem unehrenhaften Handel verleitet hatte, sann er jetzt auf
einen Weg,
das
Pferd zu bekommen, ohne dass sein Ruf Schaden dabei nehmen würde. |
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Francesco Vergellesi (Emilia): |
Isabetta! |
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Isabetta (Neifile): |
Mein
Herr? |
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Francesco Vergellesi (Emilia): |
Gleich
wird dieser junge Gockel, den sie Zima nennen, mit dir reden wollen. Reden
kann er
auch so
viel er will. Aber achte wohl darauf, dass du nicht ein Sterbenswörtchen
antwortest,
wenn du
nicht willst, dass dein guter Name für immer dahin ist. |
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Isabetta
(Neifile): |
Sei
unbesorgt mein Herr, dieser aufdringliche Zima ist mir schon lange eine
Plage; ich werde
mit
Freuden schweigen. |
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(Sie
gehen beide zu Zima, der schon wartet. Isabetta setzt sich zu ihm. Francesco
Vergellesi setzt sich etwas entfernt hin.) |
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Zima (Dioneo): |
Liebste Isabetta, Ihr seid schöner als die Sonne und
lieblicher als der Morgen, bitte erhöre
meine Bitte. |
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(Isabetta
(Neifile)
Schweigt.) |
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Zima (Dioneo): |
Isabetta? Ihr schweigt. Nun, liebste, schönste Isabetta, auch
mir verschlägt es ob Eurer
Schönheit die Sprache. (Schweigt ebenfalls. Er schaut ihr
so lange tief in die Augen bis
sie ihren Blick senkt.)
Ach Isabetta... Wisst Ihr, das erste Mal, als ich dich... als
ich Euch... ach was, wir sind uns
so nah, was soll diese Förmlichkeit? Jedenfalls als ich dich
letzte Woche wieder sah, wie du
durch das Tor kamst, da machte mein Herz einen solchen Sprung
in meiner Brust... |
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Emilia: |
Die Geschichte bitte! |
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Zima (Dioneo): |
(Zu Francesco
Vergellesi)
Wenn Ihr uns noch hören könnt, müsst Ihr euch weiter entfernen!
(Zu Isabetta) ...ab dem Moment
wusste ich: die ist es und keine andere! |
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Neifile: |
Was? |
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Emilia:
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Ssssst! |
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Zima (Dioneo): |
Du bist nicht „schöner als die Sonne“ oder „lieblicher als
der Morgen“, das ist doch alles
nicht echt. Du aber, du bist echt! Dir kann man nichts
vormachen, dir muss man nichts
vorspielen, vor dir muss ich nichts sein, als ich selbst!
Du hast mich bisher für einen Quatschkopf gehalten, stimmt’s?
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(Isabetta (Neifile)
Seufzt.) |
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Zima (Dioneo): |
Und es stimmt, ich war ein Quatschkopf, aber damit ist jetzt
Schluss! Liebste Isabetta, in
dir ist so viel Leben, so unglaublich viel Leben und immer
wenn ich dich sehe, sehe ich, wie
das heraus will, dieses Leben, wie es in dir brennt. Du
willst nicht nur ein Bisschen, du willst
nicht nur das, was man dir vorgedacht hat. Nein, du willst
alles! |
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(Isabetta (Neifile)
will „Ja!“ sagen, beherrscht sich im letzten
Moment.) |
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Zima (Dioneo): |
Ach, liebste Isabetta, du errötest. Ich sehe doch, wie es
immerfort in dir brennt. Ach, darf
ich hoffen, dass ich die Ursache dieses Feuers sein kann?
Liebste, liebste Isabetta, ich möchte
dir alles, wirklich alles geben, wovon du nur träumst. Die
Welt liegt in Trümmern, alles liegt
offen, ich geh mit dir wohin du willst!
Bitte, ach bitte, liebste Isabetta, verleih mir deine Gunst
und werde die Meine. |
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(Isabetta (Neifile) weint, schweigt aber weiterhin.) |
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(Zima wartet eine Weile, ob er eine Antwort bekommt. Dann
begreift er die List des Ritters.) |
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Zima (Dioneo): |
Ach! (Spricht jetzt so als würde Isabetta antworten)
Zima... Lieber Zima, es ist wahr, das ich
dich bisher für einen Quatschkopf gehalten habe. Doch jetzt
sehe ich, wer du wirklich bist und
dass deine Liebe wahrhaft schön und echt ist. Nimm mich darum
jetzt sofort auf dem Bärenfell
vor dem Kamin! |
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Neifile: |
Dioneo! |
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Francesco Vergellesi (Emilia): |
Weib, du sollst Schweigen! |
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Zima (Dioneo): |
(Immer
noch, als ob er an Isabettas Stelle spricht)
...oder nein, ja, nein, warte, lass mich es
anders sagen: Allerliebster Zima, ich kann es kaum erwarten,
von allen Hüllen befreit in deine
Arme zu sinken und deine heißen Lippen an allen Stellen
meines Körpers zu spüren... |
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Neifile: |
So geht meine... |
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Zima (Dioneo): |
...und wie du mir endlich, wie der himmlische Reiter, mit
kräftigen Stößen den Teufel zwischen
den Beinen austreiben wirst... |
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Neifile: |
DIONEO! DAS IST NICHT MEINE GESCHICHTE! |
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Dioneo: |
Du willst nicht, dass das deine Geschichte ist. Schade. Du
hättest es lieber so?: (Als Zima der
an Isabettas Stellt spricht:) Lieber Zima, weil deine
Liebe so groß ist, lasst uns zusammen Tee
trinken, Gedichte lesen und uns über philosophische Themen
und das Wetter unterhalten, bis wir
alt genug sind, um den ganzen körperlichen Unsinn vergessen
zu können. Es wird mir eine Freude
sein, in inniger geistiger Liebe verbunden, den sinnlosen
Verfall unserer Körper zu betrachten. |
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Neifile: |
Nein! |
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Dioneo: |
Nicht so und nicht so? Also lieber so: (Als Zima
der an Isabettas Stellt spricht:) Zima, mein
Zima, deine Liebe macht, dass ich gerne auf allen vieren die
Decke hochkrabbeln und kopfunter sämtliche Choräle der Christmette rückwärts
singen würde, während mein Mann sich in Gestalt
eines Dackels die Eier leckt. |
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Francesco Vergellesi (Emilia): |
Sind Sie bald fertig, Zima!? |
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Zima (Dioneo): |
(Weiterhin an
Isabettas Stelle sprechend)
Liebster Zima, nun sehe ich wohl, dass ich Unrecht
tat, deine
Liebe zu verschmähen. Bald wird
es aber die Gelegenheit geben, dies wieder gut zu
machen.
In einer
Woche reitet mein Mann als Stadtrichter nach Mailand und bleibt wohl zwei
Monate weg. Sobald ich den kleinen
Nachtigallenkäfig in mein Fenster stelle, sollst du nachts unbemerkt durchs
Gartentor in unser Haus gelangen, wo ich dich voller Sehnsucht erwarten
werde. |
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(Jetzt wieder als
Zima:) Liebste Isabetta, du hast mein Leben gerettet. Ich werde alles
genau
so tun,
wie du gesagt hast. |
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... |
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